Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Volkmar Hansen, Goethe Museum Düsseldorf

Laudatio zur Ausstellungseröffnung Kassandra am 06.05.2009 im Grünen Foyer Landtag von Nordrhein-Westfalen

 

Die Gegenwärtigkeit des Klassischen im Modernen, die der Titel zwar nicht annonciert, aber zulässt, möchte ich konkret an einer Sprachwirklichkeit erläutern, an der Transformation, und dadurch Elevation, des Eigennamens zum Typus. Mit Adonis bezeichnen wir einen Schönling, eine Catalinische Existenz = ein Verschwörer, Cato = ein rigoristischer Ethiker, Cicero = ein eleganter Redner, Circe = durch die wir uns bezircen lassen, Aeskulap = ein Mediziner, Helena = die Schöne, Herkules = der Kraftprotz, Maecenas = der reiche Wohltäter und Förderer der Künste, Mentor = ein Ratgeber der Jugend, Nestor = weiser Ratgeber, Sappho = als lesbische Frau und eben Kassandra, die die Zukunft schwarz sieht, die Schwarzseherin.

 

In der "Ilias" des Homer ist sie die schönste der Töchter des Königs Priamos (13,365), sogar schön wie Aphrodite (24,699). In der "Odyssee" wird sie, erbeutete Sklavin und Geliebte des Agamemnon, von Klythemnestra mit dem Schwert umgebracht. Eine Prophetengabe wird ihr erst bei Aischylos im "Agamemnon" und dann in Vergils "Aeneis" zugesprochen (2, 246f.). Einer der Vergil-Kommentatoren, Servius, schreibt ihr dann die Unglaubwürdigkeit zu, weil sie von Apollo zwar die Gabe der Weissagung erbeten, aber die daran geknüpfte Bedingung der Hingabe nicht eingehalten habe. 

 

Die Heirat der Schwester Polyxene mit Achilles wird von Paris durch einen Mord am Griechenführer im Tempel verhindert, wodurch auch die Friedensaussicht scheitert. Bei der Eroberung Trojas wird Kassandra im Tempel der Pallas Athene von Ajax angetroffen, der die Priesterin vergewaltigt (in Hederichs "Gründliches Mythologicum Lexicon", Leipzig 1724: "nicht, wie mit einer Königlichen Printzessin, umgegangen"; nach den "Fabulae" des Hygin). Gebunden wird sie dann an den Haaren herausgeschleppt, sodass ihr Verlobter Koroebos bei einem Versuch sie zu befreien, umgebracht wird.  

 

CECILY PARK möchte historisch zu ihr hinführen 

 

I. Relation Bild / Literatur 

Goethes "Reise in die Schweiz" 1797: "In der menschlichen Natur liegt ein heftiges Verlangen zu allem, war wir sehen, Worte zu finden, und fast noch lebhafter ist die Begierde, dasjenige mit Augen zu sehen, was wir beschreiben können" (WA I, 34/1, 354f.) 1. Über Jahrhunderte Horaz gültig: "ut pictura poesis" Emanzipation: Lessing, "Laokoon oder die Grenzen der Malerei und Poesie", Berlin 1766 2. Kombination in der Öffentlichkeit, die sich dadurch konstituiert (Gutenberg) Flugblätter der Reformationszeit Fabeln mit Tierdarstellungen und Sentenzen 3. Illustrationen (Goethezeit ist Höhepunkt, Werke und Almanache) Schutz vor Raubdruck im zersplitterten Deutschland "Faust"- Beispiel (nazarenisch Cornelius, wild Delacroix, Umrisse Retzsch, die auf Bühnenadaption und andere Nationen wirken,  Coleridge, Emil Nolde, Max Beckmann, Salvatore Dali) 4. Bild-Text-Kombination 19. Jh. Texte zu Kupferstichen (Heine zu "Shakespeares Mädchen und Frauen" Text und Bild: Wilhelm Buschs "Max und Moritz", "Struwwelpeter" von Hoffmann. 

 

II. Fotografie

1. Erfindung/Daguerre 1839 Einmalbild Daguerreotypie, Fox Talbot Prioritätsanspruch Positiv/Negativ-Bild, Verdrängung der Porträtmaler, Malerei mit dem Licht, Magische Furcht vor Ich-Verlust 2. Film am Ende des 19. Jhs, "Zauberberg" Thomas Manns: Bedienung Lüsternheit/Voyeurismus oder Dokumentation und Lehrmittel 3. Digitale Welt, Die Frage nach der Wahrheit des Fotos wird obsolet; nicht mehr Subjektivität des Ausschnitts etc., sondern beliebige Manipulierbarkeit 

 

III. Fotorealismus 

1. Edward Hopper und die Kunstwelt Amerikas: Foto nichts Feststehendes, bedarf der Schärfung. Moderne Welt als Sujet, die Welt des technischen Alltags. Davon weicht Cecily Park deutlich ab. 2. Leichte Verfremdung legt die große Sensibilität, die seelische Ausdruckskraft frei, die hier Einsamkeit, Melancholie und Sanftheit ist.

 

IV. Konkrete Umsetzung

Die etwa 115 cm großen Bilder Öl oder Acryl müssen von rechts nach links gelesen werden: Profil (Abwehr, so etwas wie Trotz), Nachdenklichkeit der Abwendung (Gläser mit Wasserflasche im Kühler, kein Wein), Andeutung von Dionysischem  im bewegten Haar, Abwendung (in Stufen, im Gang) 

 

GISA ROSA 

Ebenfalls von rechts nach links sollten Sie sich die Arbeiten von GISA ROSA anschauen. Sie zeigt Pigmente auf einer Leinwand von der Größe 180 x 180 cm, einer farbigen Welt, im Kontrastprinzip zusammengestellt. Einem Hochzeitsbild im festlichen Gold ist eine Schlangenhaut des Kriegs beigegeben, neben einem dreiteiligen Bild in Weiß der vergebliche "Kassandra-Ruf". Unschwer ist hier Schillers "Kassandra"-Gedicht, eine Ballade des Jahres 1802, wiederzuerkennen, von deren 16 achtzeiligen Strophen im vierhebigen Trochäus ich die ersten vier vortragen möchte:

 

Freude war in Trojas Hallen,

Eh‘ die hohe Veste fiel,

Jubelhymnen hört man schallen

In der Saiten goldenes Spiel.

Alle Hände ruhen müde 

Von dem thränenvollen Streit, 

Weil der herrliche Pelide 

Priams schöne Tochter freit.

 

Und geschmückt mit Lorbeerreisern, 

Festlich wallet Schaar auf Schaar 

Nach der Götter heiligen Häusern, 

Zu des Thymbriers Altar. 

Dumpferbrausend durch die Gassen 

Wälzt sich die bacchantische Lust, 

Und in ihrem Schmerz verlassen 

War nur Eine traurige Brust. 

 

Freudlos in der Freude Fülle, 

Ungesellig und allein, 

Wandelte Kassandra stille 

In Apollos Lorbeerhayn. 

In des Waldes tiefste Gründe 

Flüchtete die Seherin, 

Und sie warf die Priesterbinde 

Zu der Erde zürnend hin: 

 

"Alles ist der Freude offen, 

Alle Herzen sind beglückt, 

Und die alten Aeltern hoffen, 

Und die Schwester steht geschmückt. 

Ich allein muß einsam trauern, 

Denn mich flieht der süße Wahn, 

Und geflügelt diesen Mauern 

Sehe ich das Verderben nahn."

 

Hinweisen möchte ich Sie noch auf ein Büchlein "Mythos  Kassandra", das im Verlag Reclam Leipzig – ein Ausdruck der Verehrung für Christa Wolf, deren erzählerisches Remake sich in einer Verachtung der ausschließlich verrohten Heldenwelt und einer Glorifizierung der Frauengestalten 

erschöpft. 

 

Meine Damen und Herren – hier sehen Sie besseres. 

 

Prof.Dr.Dr.h.c.mult. Volkmar Hansen 

Direktor des Goethe-Museums Düsseldorf